August 27, 2014
Ein Insider-Handbuch zur wichtigsten Story der Welt | Blick auf die Welt - von Beer Sheva aus

Ein Insider-Handbuch zur wichtigsten Story der Welt
Ein ehemaliger AP Korrespondent erklärt wie und warum Reporter Israel missverstehen und wieso das etwas ausmacht
Die Israel-Story
Blieb irgendetwas zu Israel und dem Gazstreifen noch ungesagt? Diesen Sommer sind die Zeitungen voll davon. Fernsehzuschauer sehen Trümmerhaufen und Wolkensäulen schon im Schlaf. Ein repräsentativer Artikel aus der jüngsten Ausgabe des “The New Yorker” beschriebt die Ereignisse dieses Sommers, indem er je einen Satz für den Horror in Nigeria und in der Ukraine verwendet, vier Sätze für die fanatischen Völkermörder von ISIS und den Rest des Artikels – 30 Sätze für Israel und den Gazastreifen. Wenn die Hysterie nachlässt, werden die Geschehnisse im Gazastreifen von der Welt nicht als besonders wichtig erinnert werden, glaube ich. Leute wurden getötet, die meisten davon Palästinenser, einschliesslich vieler unbewaffneter Unschuldiger. Ich wünschte, dass die Tragödien ihres Todes oder des Tods der israelischen Soldaten irgendetwas verändern würden, dass sie einen Wendepunkt markieren. Aber das tun sie nicht. Diese Runde war nicht die erste in den arabischen Kriegen gegen Israel und wird nicht die letzte sein. Die israelische Kampagne war kaum anders als andere, die von einer westlichen Armee gegen einen vergleichbaren Gegner geführt wurden, ausser dass die Bedrohung der eigenen Bevölkerung viel unmittelbarer war und dass grössere, wenn auch vergebliche Anstrengungen gemacht wurden, zivile Opfer zu vermeiden.
Die Bedeutung dieses Sommerkriegs liegt meiner Meinung nach nicht im Krieg selber. Sie liegt vielmehr darin, wie dieser Krieg im Ausland beschrieben und wie auf ihn reagiert wurde, und wie dadurch alte, verquere Denkmuster wieder auflebten und von den Rändern in die Mitte des westlichen Diskurses wanderten – nämlich eine feindselige Obsession mit Juden.
Den Schlüssel für das Verständnis dieses Wiederauflebens kann nicht bei den Verantwortlichen der Jihad-Webseiten gefunden werden, auch nicht bei den Verschwörungstheoretikern im Untergrund oder radikalen Aktivisten. Er wird zuerst bei den gebildeten und respektierten Leuten gefunden, die die international Nachrichtenindustrie bevölkern; anständige Leute, viele von ihnen, und einige meiner früheren Kollegen.
Die globale Manie um israelische Aktionen wird inzwischen für selbstverständlich gehalten, dabei ist sie das Resultat von Entscheidungen, die einzelne Menschen in verantwortlicher Postionen getroffen haben – in diesem Fall Journalisten und Editoren. Die Welt reagiert nicht auf das Geschehen in diesem Land, sondern auf die Beschreibung dieses Geschehens durch Nachrichtenagenturen. Die eigentümliche Natur dieser Reaktion kann man nur verstehen, wenn man sich die Praxis des Journalismus ansieht und im Besondern die ernsten Produktionsfehler, wie sie hier in Israel in diesen Beruf, meinem Beruf, auftreten.
In diesem Essay will ich versuchen, ein paar Werkzeuge zu liefern, um den Zusammenhang der Nachrichten aus Israel herzustellen. Ich habe diese Werkzeuge als Insider erworben: Von 2006 bis Ende 2011 war ich Reporter und Editor im Jerusalembüro der Associated Press, eine der beiden weltweit grössten Nachrichtenagenturen. Ich lebe seit 1995 in Israel und berichte von hier seit 1997.
Dieser Essay ist keine erschöpfenden Übersicht aller Sünden der internationalen Medien, eine konservative Polemik oder eine Verteidigung israelischer Politik. (Ich glaube an die Bedeutung der “mainstream” Medien, bin liberal [links, RB] und stehe der Politik meines Landes vielfach kritisch gegenüber.) Notwendigerweise muss ich manchmal verallgemeinern. Ich werde zunächst die zentralen Themen der Israelstory in den internationalen Medien skizzieren – eine Story, zu der es überraschend wenig Variationen bei den verschiedenen Medienabnehmern gibt und die ein konstruiertes Narrativ darstellt, das, wie schon das Wort “Story” andeutet, zum grössten Teil fiktiv ist. Dann werde ich den historischen Kontext, wie sich die Diskussion zu Israel entwickelt hat, anreissen und erklären, warum das meiner Meinung nach auch Leuten Sorgen machen sollten, die sich nicht mit jüdischen Angelegenheiten befassen. Ich werde versuchen, mich kurz zu fassen.
Wie wichtig ist die Israel-Story?
Die personelle Ausstattung ist die beste Messlatte für die Bedeutung einer Story für ein bestimmtes Nachrichtenunternehmen. Als ich Korrespondent bei AP war, hatte die Agentur 40 Redationsmitarbeiter, die Israel und die Palästinensischen Gebiete abdeckten. Das war deutlich mehr Redaktionspersonal als AP in China, Russland, Indien oder allen 50 afrikanischen Staaten südlich der Sahara zusammen einsetzte. Das war mehr als die Gesamtzahl aller Nachrichten sammelnder Angestellten in allen Ländern, in denen die Aufstände des “arabischen Frühlings” ausbrechen sollten.
Um ein Gefühl für den Masstab zu bekommen: Vor dem Ausbruch des Bürgerkriegs in Syrien bestand die ständige Präsenz von AP in diesem Land aus einem einzigen, vom Regime abgesegneten Stringer. Die Verantwortlichen bei AP glaubten, dass Syrien weniger als 1/40 so wichtig sei wie Israel. Ich will mich nicht auf AP einschiessen – die Agenture ist vollkommener Durchschnitt, wodurch sie ein nützliches Beispiel abgibt. Die grossen Akteure im Nachrichtengeschäft praktizieren Gruppendenken, und diese Verteilung des Personals wurde überall so gehandhabt. Seit die Aufstände des arabischen Frühlings begannen, wurde das Personal in Israel ein bisschen weniger, bleibt aber dennoch vergleichsweise hoch. Und wenn Israel auflodert, wie in diesem Sommer, werden Reporter oft von tödlicheren Konflikten abgezogen und hierher geschickt. Israel übertrumpft immer noch fast alles andere.
Der Umfang der Bericherstattung, die daraus erfolgt, auch wenn sich wenig ereignet, gibt dem Konflikt eine Prominenz, der gegenüber der tatsächliche Verlust an Menschenleben absurd niedrig ist. Im ganzen Jahr 2013 z.B. forderte der israelisch-arabische Konflikt 42 Leben – das entspricht ungefähr der monatlichen Mordrate in Chicago. Jerusalem, international als Brennpunkt des Konflikts gehandelt, hatte letztes Jahr etwas weniger Todesfälle durch Gewalt als Portland, Oregon, die als eine der sicherern amerikanischen Städte gilt. Im Kontrast dazu hat der syrische Bürgerkrieg in drei Jahren geschätzte 190,000 Menschenleben gekostet, etwa 70,000 mehr als die Gesamtzahl aller Todesopfer im arabisch-Israelischen Konflikt seit einem Jahrhundert.
Die Nachrichtenorganisation haben trotzdem beschlossen, dass dieser Konflikt wichtiger ist als zum Beispiel die über 1,600 Frauen, die letztes Jahr in Pakistan ermordet wurden (271 nach einer Vergewaltigung und 193 von ihnen lebendig verbrannt), die andauernde Auslöschung Tibets durch die Kommunistische Partei Chinas, das Schlachten im Kongo (mehr als 5 Millionen Tote 2012) oder in der Zentralafrikanischen Republik oder die Drogenkriege in Mexiko (zwischen 2006 und 2012 ca. 60,000 Tote), ganz zu schweigen von Konflikten, von denen niemand je gehört hat, wie sie sich in abgelegenen Ecken Indiens oder Thailands abspielen. Sie glauben, dass Israel die weltweit wichtigste Story ist, oder jedenfalls sehr nahe daran.
Was ist wichtig in der Israel-Story und was nicht?
Ein Reporter, der hier im internationalen Pressekorps arbeitet, versteht schnell, dass das Wichtige in der israelisch-palästinensischen Story Israel ist. Wenn Sie die mainstream Berichterstattung verfolgen, finden Sie kaum eine echte Analyste der palästinensischen Gesellschaft oder ihrer Ideologien, Profile von bewaffnten palästinensischen Gruppen oder Untersuchungen zur palästinensischen Regierung. Palästinenser werden nicht als Handelnde in ihrem eigenen Schicksals ernst genommen. Der Westen hat beschlossen, dass Palästinenser einen Staat an der Seite Israel wollen sollten, daher wird ihnen diese Meinung als Tatsache unterstellt, obwohl jeder, der etwas Zeit mit wirklichen Palästinensern verbracht hat, versteht, dass die Dingen verständlicherweise etwas komplizierter sind. Wer sie sind und was sie wollen, ist nicht wichtig: Die Story verlangt, dass sie als passive Opfer der Partei existieren, auf die es wirklich ankommt.
Korruption, z.B. ist eine brennende Sorge vieler Palästinenser unter der Herrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde, aber als ich und ein anderer Reporter einmal einen Artikel zu diesem Thema vorschlugen, sagte uns der Bürochef, dass palästinensische Korruption “nicht das Thema” sei. (Israelische Korruption war das Thema und wir haben es breit abgedeckt.)
Israelische Aktionen werden analysiert und kritisiert und über jeden Makel in der israelischen Gesellschaft aggressiv berichtet. In einer Zeitspanne von sieben Wochen, vom 8. November bis zum 16 Dezember 2011 habe ich die Artikel gezählt, die unser Büro herausbrachte zu den verschiedenen moralischen Fehlern der israelischen Gesellschaft – ein Gesetzesentwurf, der die Medien einschränken würde, der wachsende Einfluss der orthodoxen Juden, nicht genehmigte Siedlungs-Aussenposten, Geschlechtertrennung und so fort. Ich zählte 27 einzelne Artikel, im Schnitt eine Geschichte alle zwei Tage. Nach einer sehr vorsichtigen Schätzung war der Ausstoss dieser sieben Wochen mehr als die gesamte Anzahl von ernsthaft kritischen Geschichten über die palästinensische Regierung und Gesellschaft, einschliesslich der totalitären Islamisten der Hamas, die unser Büro in den vorangegangenen drei Jahren veröffentlicht hatte.
Die Hamascharter beispielsweise fordert nicht nur Israels Zerstörung, sondern den Mord aller Juden und beschuldigt die Juden, die französische und russische Revolution eingefädelt zu haben und auch beide Weltkriege; diese Charter wurde nie im Druck erwähnt, während ich bei AP war, obwohl Hamas eine palästinesische Nationalwahl gewonnen hatte und einer der wichtigsten Akteure in der Region geworden war. Um den Bogen zu den Ereignissen dieses Sommers zu schlagen: Ein Beobachter könnte denken, dass Hamas’ Entscheidung, ihre militärische Infrastruktur unter der zivilen Infrastruktur im Gazastreifen aufzubauen, einen Bericht wert wäre; und wäre es auch nur wegen der Auswirkungen darauf, wie im nächsten Konflikt gekämpft werden würde und der Kosten für unschuldige Menschen. Aber das ist nicht der Fall. Die Hamas Einrichtungen waren an sich nicht wichtig und wurden deshalb ignoriert. Wichtig war nur Israels Entscheidung, sie anzugreifen.
In letzter Zeit wurde viel über Hamas’ Einschüchterung von Reportern gesprochen. Jeder Veteran des Presscorps hier weiss, dass die Einschüchterung real ist, ich habe sie selbst in Aktion gesehen als Editor am AP News Desk. Während der Militäraktion 2008-2009 habe ich persönlich ein Schlüsseldetail – dass Hamaskämpfer sich als Zivilisten kleiden und als Zivilisten in der Statistik der Toten gezählt wurden – gelöscht, wegen einer Drohung gegen unseren Reporter im Gazastreifen. (Damals wie heute war die Politik, die Leser nicht darüber zu informieren, wenn ein Bericht zensiert wurde, ausser Israel war der Zensor. Etwas früher in diesem Monat hatte der AP News Editor in Jerusalem darüber berichtet und eine Geschichte zur Einschüchterung durch Hamas eingereicht. Diese Geschichte wurde von seinen Vorgesetzen tiefgefroren und nicht veröffentlicht.)
Wenn Kritiker aber meinen, dass Journalisten danach drängen, über Hamas zu berichten und nur von Schlägern und Drohungen daran gehindert werden, das trifft nicht zu. Es gibt viele risikoarme Methoden, über Hamas’ Aktionen zu berichten, wenn der Wille da ist: unter israelischen Bylines, ohne Byline, indem sraelische Quellen zitiert werden. Reporter können einfallsreich sein, wenn sie wollen.
Tatsache ist, dass die Einschüchterung durch Hamas überwiegend irrelevant ist, weil die Aktionen der Palästinenser irrelevant sind: Die meisten Reporter im Gazastreifen glauben, ihr Job bestehe darin, israelische Gewalt gegen palästinensische Zivilisten zu dokumentieren. Das ist die Quintessenz der Israel-Story. Ausserdem arbeiten Reporter mit Deadlines, sind oft gefährdet, und viele sprechen die Sprache nicht und haben nur eine sehr ungefähre Vorstellung, was abgeht. Sie hängen von ihren palästinensischen Kollegen ab und von den Fixern, die entweder Angst vor Hamas haben oder Hamas unterstützen oder beides. Reporter brauchen keine Hamas-Aufpasser, um sie von Tatsachen wegzuscheuchen, die die einfache Story trüben können, die zu berichten sie hierher geschickt wurden.
Es ist kein Zufall, dass die wenigen Journalisten, die über Hamaskämpfer und Raketenwerfer in zivilen Gebieten in diesem Sommer berichtet haben, in der Regel nicht zu den grossen Nachrichtenorganisationen mit starken und permanenten Operationen im Gazastreifen gehörten, wie Sie vermutet haben könnten. Meistens ware es rauflustige Randfiguren und Neuankömmlinge – ein Finne, eine indische Crew und ein paar andere. Diese armen Seelen haben das Memo nicht erhalten.
Was sonst ist unwichtig?
Dass die Israelis in letzter Zeit moderate Regierungen gewählt hatten, die den Ausgleich mit den Palästinensern anstrebten und von den Palästinensern unterminiert wurden, gilt als unwichtig und wird selten erwähnt. Diese Lücken sind oft nicht einfach Versehen, sondern eine Frage der Strategie. Anfang 2009 z.B. erlangten zwei meiner Kollegen Informationen, dass Israels Premierminister Ehud Olmert der Palästinensischen Autonomiehörde ein bedeutungsvolles Friedensangebot unterbreitet hatte, das die Palästinenser für unzureichend hielten. Das wurde nicht berichtet, obwohl es eine der wichtigsten Nachrichten des Jahres war oder hätte sein sollen. Die Reporter erhielten Bestätigungen von beiden Seiten und einer sah sogar eine Landkarte, aber die leitenden Editoren entschieden, diese Story nicht zu veröffentlichen.
Einige Mitarbeiter waren wütend, aber das half nicht. Unser Narrativ war, dass die Palästinenser gemässigt waren und die Israelis bockig und zunehmend extrem. Wenn über Olmerts Angebot berichtet würde – ebenso wie eine allzu tiefschürfende Beschäftigung mit dem Thema Hamas – würde das Narrativ als Unsinn hingestellt. Und so wurden wir angewiesen, die Informationen zu ignorieren und machten das auch mehr als anderthalb Jahre lang.
Diese Entscheidung erteilte mir eine Lektion, die sich Konsumenten der Israel-Story klar machen sollten: Viele der Leute, die darüber entscheiden, was Sie zu den Geschehnissen hier lesen und sehen werden, sehen ihre Rolle nicht als erklärend, sondern politisch. Berichterstattung ist eine Waffe, die sie der Seite zur Verfügung stellen, mit der sie sympathisieren.
In welchem Rahmen wird die Israel-Story dargestellt?
Die Israel-Story wird in die selben Begriffe gekleidet, die seit den frühen 1990ern im Gebrauch sind – das Streben nach einer “Zwei-Staaten-Lösung”. Man geht davon aus, dass der Konflikt “israelisch-palästinensisch” ist, soll heissen, dass der Konflikt auf Land stattfinder, das Israel kontrolliert – 0.2 Prozent der arabischen Welt – wo Juden die Mehrheit und Araber die Minderhiet sind. Der Konflikt ware mit ‘israelisch-arabisch’ oder ‘jüdisch-arabisch’ genauer beschrieben, soll heissen ein Konflikt zwischen 6 Millionen israelischer Juden und 300 Millionen Araber in den umliegenden Ländern. (Vielleicht wäre ‘israelisch-muslimisch’ noch genauer, um auch die Feindseligkeit von nicht-arabischen Staaten wie Iran und Türkei und etwa 1 Milliarde Muslime weltweit einzubeziehen.) Das ist der Konflikt, der sich in verschiedenen Formen seit einem Jahrhundert abspielt, bevor Israel existierte, bevor Israel die palästinensischen Gebiete im Gazastreifen und im Westjordanland eroberte, und bevor der Begriff “Palästinensisch” in Gebrauch war.
Der Rahmen “israelisch-palästinensisch” macht es möglich, die Juden, eine winzige Minderheit im Nahen Osten, als die stärkere Partei darzustellen. Implizit ist auch die Annahme enthalten, wenn das Palästinenserproblem irgenwie gelöst würde, wäre der Konflikt vorüber. Dabei glaubt heutzutage kein informierter Mensch, dass das wahr ist. Diese Definition erlaubt es auch, das israelische Siedlungsprojekt, das ich für einen ernsthaften, moralischen und strategischen Fehler von seiten Israels halte, nicht als das zu beschreiben, was es ist, ein weiteres destruktives Symptom des Konflikts – sondern als dessen Ursache.
Ein kenntnisreicher Beobachter des Nahen Osten kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Region ein Vulkan ist und die Lava ist radikaler Islam, eine Ideologie, die in verschiedenen Ausprägungen nun diesen Teil der Welt prägt. Israel ist ein winziges Dorf an den Hängen des Vulkans. Hamas ist der lokale Repräsentant des radikalen Islam und strebt offen, die Vernichtung der jüdischen Minderheitsenklave in Israel an, genau wie Hizbollah der dominante Repräsentant des radikalen Islams im Libanon ist, der Islamische Staat in Syrien und im Irak, die Taliban in Afghanistan und Pakistan usw.
Hamas beteiligt sich nicht an den Anstrengungen, einen palästinensischen Staat neben Israel zu errichten, wie sie selbst freimütig zugibt. Sie hat andere Ziele, die sie auch ganz offen darlegt und die entsprechen denjenigen der oben aufgelistenten Gruppierungen. Seit Mitte der 1990er hat Hamas mehr als jeder andere Faktor die israelische Linke zerstört, gemässigte Israelis gegen Gebietsaufgabe eingenommen und die Chancen auf einen 2-Staaten-Kompromiss begraben. Das ist eine zutreffende Weise, die Story einzurahmen.
Ein Beobachter könnte auch legitimerweise den Rahmen der Geschichte durch die Augen der Minderheiten im Nahen Osten definieren. Alle Minderheiten stehen unter intensivem Druck des Islam. Wenn Minderheiten hilflos sind, sieht ihr Schicksal wie das der Jesiden oder der Christen im Nordirak aus, wie wir es gerade gesehen haben. Wenn sie bewaffnet sind und sich organisiert haben, können sie sich wehren und überleben, wie im Fall der Juden und (hoffentlich) der Kurden.
In anderen Worten, man kann auf sehr verschiedene Weise betrachten, was hier geschieht. Jerusalem liegt weniger als seine Tagesfahrt von Aleppo oder Bagdad entfernt, und jedem sollte klar sein, dass Friede im Nahen Osten ziemlich schwer zu fassen ist, auch an Orten, wo es keine Juden gibt. Aber Reporter im allgemeinen sind ausserstande, die Israel-Story in Relation zu irgendetwas anderem zu sehen. Anstatt Israel als eines der Dörfer am Hang des Vulkans zu beschreiben, beschreiben sie Israel als den Vulkan.
Die Israel-Story wird so gefasst, als hätte sie nichts mit den Ereignissen zu tun, die sich ringsum abspielen weil das “Israel” des internationalen Journalismus nicht im selben geo-politischen Universum existiert wie Irak, Syiren oder Ägypten. Die Israel-Story handelt nicht von den gegenwärtigen Ereignissen. Sie dreht sich um etwas anderes.
Die alte Projektionsfläche
Jahrhundertelang dienten die damals staatenlosen Juden als Blitzableiter für den bösen Willen in der Mehrheitsbevölkerung. Sie waren ein Symbol der Dinge, die falsch liefen. Sie wollten die Ansicht vertreten, dass Gier schlecht war? Juden waren gierig. Feigheit? Juden waren Feiglinge. Waren Sie Kommunist? Juden waren Kapitalisten. Waren Sie Kapitalist? In diesem Fall waren die Juden Kommunisten. Moralisches Versagen war die wesentliche Eigenschaft des Juden. Das war ihre Rolle in der christlichen Tradition – der einzige Grund, warum die europäische Gesellschaft sich überhaupt mit auseinandersetzte.
Wie viele Juden, die im späten 20. Jahrhundert in freundlichen, westlichen Städten aufwuchsen, wies ich solche Gedanken als die fiebernden Erinnerungen meiner Grosseltern von mir. Eines habe ich gelernt – und ich bin nicht allein in diesem Sommer – ich war ein Narr, dass ich mich so verhalten haben. Heutzutage glauben die Menschen im Westen, dass das Übel dieses Zeitalters der Rassismus, Kolonialismus und Militarismus sei. Der einzige jüdische Staat dieser Welt hat weniger Schaden angerichtet als die meisten Staaten der Welt und mehr Gutes – aber als Leute nach einem Land suchten, das die Sündern unserer neuen postkolonialen, postmilitaristischen und postethnischen Traumwelt verkörpern könnte, wählten sie dieses Land aus.
Wenn die Menschen, die dafür verantwortlich sind, der Welt die Welt zu erklären, also Journalisten, dem Krieg der Juden mehr Aufmerksamkeit widmen als jedem anderen, wenn sie die Juden in Israel als die Partei beschreiben, die offensichtlich im Unrecht ist, wenn sie alle denkbaren Rechtfertigungen für jüdische Aktionen ausblenden und das wahre Gesicht von deren Feinden verdunkenln, dann sagen sie ihren Lesern – ob sie das nun beabsichtigen oder nicht -, dass Juden das böseste Volk auf der Erde sind. Die Juden sind ein Symbol all des Bösen, das zivilisierte Menschen von Kindesbeinen an verabscheuen an gelernt haben. Die internationale Berichterstatttung wurde zum Sittenstück mit dem bekannten Bösewicht in der Hauptrolle.
Einige Leser mögen sich erinnern, dass Grossbritannien an der Invasion des Irak 2003 teilgenommen hatte, in dessen Folge mehr als dreimal so viele Menschen getötet wurden wie im gesamten israelisch-arabischen Konflikt. Trotzdem protestieren in Grossbritannien Menschen wütend gegen den den jüdischen Militarismus. Weisse Personen in London und Paris, deren Vorfahren sich vor noch nicht langer Zeit in den Salons von Rangoon oder Algiers von dunkelhäutigen Leuten Luft zufächeln liessen, verurteilen jüdischen Kolonialismus. Amerikaner, die in Orten mit Namen wie “Manhattan” und “Seattle” leben, verdammen Juden für die Vertreibung der eingeborenen Bevölkerung von Palästina. Russische Reporter verurteilen die brutale militärische Vorgehensweise Israels. Belgische Reporter verdammen die israelische Behandlung von Afrikanern. Als Israel vor ein paar Jahren einen Transportservice für palästinensische Arbeiter im besetzten Westjordanland einführte, konnten amerikanische Nachrichtenkonsumenten über Israels “segregierte Busse” lesen. Und jede Menge Menschen in Europa, nicht nur in Deutschland, freuen sich zu hören, wie Juden wegen Völkermord angeklagt werden.
Man muss kein Geschichtsprofessor oder Psychiater sein, um zu verstehen, was hier los ist. Nachdem sie sich unter sehr schwierigen Umständen in einer winzigen Weltecke rehabilitieren konnten, werden nun die Nachkommen der machtlosen Menschen, die aus Europa und dem muslimischen Nahen Osten vertrieben wurden, das, was auch ihre Grosseltern waren – der Tümpel, in den die Welt spuckt. Die Juden in Israel sind die Fläche, auf die es gesellschaftlich aktzeptabel wurde, all das zu projezieren, was man an sich selber und am eigenen Land hasst. Das Werkzeug, mittels dessen diese psychologische Projektion ausgeführt wird, ist die internationale Presse.
Was macht es schon, wenn die Welt die Israel-Story falsch versteht?
Da sich hier eine Kluft geöffnet hat zwischen dem, was wirklich ist, und der Art, wie es dargestellt wird, sind die Meinungen falsch und die Strategien sind unpassend, und Beobachter werden regelmässig von den Ereignissen überrascht. Solche Dinge sind früher auch passiert. In den Jahren vor dem Zusammenbruch des sowjetischen Kommunismus 1991 z.B. sah “praktisch kein westlicher Experte, Gelehrter, Amtsinhaber oder Politiker den bevorstehenden Kollaps der Sowjetunion voraus” wie der Russlandexperte Leon Aron 2011 in einem Aufsatz für “Foreign Policy” schrieb. Das Imperium verrottete seit Jahren und die Anzeichen waren da, aber die Leute, die sie sehen und darüber berichten sollten, scheiterten daran und als die Supermacht implodierte, waren alle erstaunt.

Und es gab den spanischen Bürgerkrieg. “Früh im Leben hatte ich bemerkt, dass kein Vorfall je korrekt in einer Zeitung berichtet wird, aber in Spanien sah ich zum ersten Mal Zeitungsberichte, die überhaupt keinen Bezug zu den Fakten hatten, nicht einmal den Bezug, wie ihn eine normale Lüge impliziert. … Ich sah tatsächlich wie Geschichte geschrieben wurde, nicht in den Begriffen dessen, was vorgegangen war, sondern was hätte passieren sollen nach den verschiedenen ‘Parteirichtlinien’.” Das hat George Orwell 1942 geschrieben.
Orwell stieg nicht in Katalonien aus einem Flugzeug, stellte sich neben eine Kanone der Republikaner und liess sich filmen, während er selbstsicher wiederholte, was alle anderen sagten oder beschrieb, was jeder Idiot sehen konnte: Waffen, Trümmer und Leichen. Er schaute über die ideologischen Phantasien seiner Kollegen hinaus und wusste, dass das, was wichtig war, nicht unbedingt auch sichtbar war. Spanien, das verstand er, handelte nicht wirklich von Spanien – es ging um einen Zusammenstoss von totalitären Systemen, dem deutschen und dem russischen. Er wusste, dass er Zeuge einer Bedrohung der europäischen Zivilisation wurde, und das schrieb er auch und er behielt Recht.
Wer versteht, was diesen Sommer im Gazastreifen geschehen ist, versteht Hizbollah im Libanon, das Erstarken des sunnitischen Jihads in Syrien und im Irak und die langen Tentakel des Iran. Das erfordert herauszufinden, warum Staaten wie Ägypten und Saudiarabien sich nun näher an Israel halten als an Hamas. Vor allem verlangt es zu verstehen, was so gut wie jedem im Nahen Osten klar ist: Die aufsteigende Macht in unserer Weltgegend ist weder Demokratie noch Modernität. Eher handelt es sich um eine machtvolle, islamische Strömung, die verschiedene und manchmal widersprüchliche Formen annimmt und die bereit ist, extreme Gewalt anzuwenden mit dem Ziel, die Region unter ihrer Herrschaft zu einigen und den Westen zu konfrontieren. Diejenigen, die diese Tatsache erfassen, sind imstande, sich umzusehen und die Zusammenhänge herzustellen.
Israel ist keine Idee, ein Symbol des Guten oder des Bösen oder ein Litmustest für linke Gesinnung bei Abendgesellschaften. Es ist ein kleines Land in einer bedrohlichen Weltgegend, die gerade noch bedrohlicher wird. Über Israel sollte genau so kritisch berichtet werden wie über jeden anderen Ort, und es sollte im Kontext und in der richtigen Proportion geschehen. Israel ist nicht eine der wichtigsten Geschichten der Welt, nicht einmal des Nahen Osten. Wie immer sich die Region in den nächsten Jahren entwickeln wird, es wird so viel mit Israel zu tun haben, wie der 2. Weltkrieg mit Spanien zu tun hatte. Israel ist ein Fleckchen auf der Landkarte, ein Nebenschauplatz, der ungewöhnlich emotionale befrachtet ist.
Viele im Westen bevorzugen offensichtlich den alten Trost, die moralische Makel der Juden zu analysieren und das gewohnte Gefühl der Überlegenheit zu geniessen, das damit einhergeht, anstatt sich mit einer unerfreulichen und verwirrenden Realität auseinanderzusetzen. Sie mögen sich selber einreden, dass alles das Problem der Juden ist oder auch die Schuld der Juden. Aber Journalisten ergehen sich in solchen Phantasien auf Kosten ihrer Glaubwürdigkeit und der Glaubwürdigkeit ihres Berufs. Und wie Orwell uns sagen würde, die Welt ergeht sich in Wunschdenken auf eigene Gefahr.

Juli 4, 2014
Psychologischer Entlastungssatz

Lächle!
Du kannst sie nicht alle töten.

Juli 4, 2014
Die Abgründe des Lacanschen Lochs

Dass zwischen Oberflächen und Tiefenstruktur der Sprache, zwischen Bewusstem und Unbewusstem, ein Loch klafft, den jeder Gedanke durchwandert und dabei einige Veränderungen erfährt, bevor er zum gesprochenen Wort wird, ist inzwischen hinlänglich bekannt. Häufig löst ein Deutungsangebot, eine Übersetzung die klar machen kann, was eigentlich gemeint war Widerstand aus. (Das dauert dann manchmal, aber wovon lebt ein Analytiker). Auch in diesem Fall wird der/die Betroffene mit hoher Wahrscheinlichkeit behaupten, dass das nie gemeint gewesen sei, und man damit (dem nicht gemeinten) auch so gar nichts zutun habe. Es ist ein manchmal aussichtsloses Unterfangen, fast so wie die Situation in Israel und Palästina.
Da wird heute berichtet, dass “die jüngsten Auseinandersetzungen” ihre Ursache im “Mord an einem palästinensischen Jugendlichen” habe. “Vorausgegangen war die Entführung und Tötung dreier jüdischer Religionsschüler”.
Das läuft so im Radio. Hmm, vier 16 jährige sind tot. Der eine ist ein Jugendlicher, dass verstehen wir, die anderen jüdische Religionsschüler. Das ist was anderes (das sind die mit dem Rachegott, die Siedler, Aliens etc). Natürlich wurden alle vier, womöglich aus den gleichen monströsen Gründen aufs abscheulichste getötet. Aber warum die Differenzierung?Diese Differenzierung. Sagte man umgekehrt, ein moslemischer Märtyrer und drei israelische Jugendliche, wetten ein Aufschrei (Rassismus, Vorverurteilung, etc) des Protests würde erschallen.
Zudem ist die willkürliche Kausalität, mit noch willkürlicherer (oder doch perfide überlegter) Festlegung eines Startpunktes, (die Hamas schießt 30 Raketen weil..) interessant, weil auf der anderen Seite eher von einer Korrelation (Vorausgegangen) gesprochen wird.
Wenn also an der Oberfläche der Sprache solche Muster erscheinen auf was soll man dann schließen? Welches Deutungsangebot sollte man dem verantwortlichen Redakteur machen?

Juni 11, 2014

(Quelle: winterinthetardis)

Juni 11, 2014
"Vom Patriotismus zum Patridiotismus ist´s nur eine ID"

Joseph Blatter hat das nicht zu Beckenbauer gesagt. Der hat auch nicht gefragt, wo es denn die schönen Autowimpel zu kaufen gäbe.
Im Hintergrund lief auch nicht Burning Spears Bad to Worse.

Juni 11, 2014
nevver:

Toothpaste for dinner

nevver:

Toothpaste for dinner

Juni 11, 2014
"It’s June.
I’m tired of being brave."

Anne Sexton, The Truth the Dead Know 

(via )

(via foxesinbreeches)

Juni 6, 2014
Artgerechte Tiertransporte

stand auf dem Heck des Lastwagens, der an diesem sonnigen Vormittag wie ich, am Alpenrand entlang Richtung Südwesten fuhr.
Seitdem rätsele ich, was das sein soll. Ernsthaft.
Wir essen Tiere. Dafür müssen Tiere sterben. War schon immer so. Man könnte die ganze Tieresserei, -haltung und -transporte als joint venture mit recht einseitigem Nutzen betrachten. Aber Artgerecht? Fragte man irgendeines der Tiere, die oder deren Brut wir zwecks Verzehr oder anderweitiger Nutzung (da wird z.B. Kälbern tausendfach mit einer Art Drainage das Lab abgepumpt, damit man dem unstillbaren Käsehunger der Vegetarier nachkommt) halten, ob sie sich artgerecht behandelt fühlen, was würden die uns wohl sagen? Wahrscheinlich so was wie “Fick dich!”
Da Artgerecht ja nicht wirklich meinen kann, dass es natürlich für das Tier sei, zum Sterben mit dem Laster abgeholt zu werden, muss es wohl die noch gerade tolerierbare Leidenszumessung an das Tier sein, um das Prozedere der Verwertung als Artgerecht zu bezeichnen, Dass das, was eigentlich Minimalanforderung sein sollte, die Ausnahme darstellt, und die “normale” industrielle Nahrungsmittelproduktion an Grusligkeit kaum zu überbieten ist, ist das wirklich Traurige.
Natürlich liegt den/einigen Produzenten auch die Pflege am Herzen (kleiner Scherz), wiewohl die meist wenig durchdacht und in den Auswirkungen schwer kalkulierbar ist. So führt das Anfüttern der Rehe geradewegs in die Zeckenplage, und der artgerechte Laufstall direkt in die Enthornung.
Man sollte einfach aufhören, sich zur ÜberIchberuhigung etwas vorzumachen und das Ganze als Artgerecht zu bezeichnen. Bestenfalls halten wir sie gefangen (oder lassen sie, wie in Wald und Meer eine Zeit lang leben), wir füttern sie bis zum Anschlag, lullen sie ein, geben ihnen ein schönes Leben und dann töten wir sie und essen sie auf (letzteres nicht immer zwingend in der Reihenfolge, bemerkte die Auster). That´s it. Und wenn wir das mit einigermaßen Respekt vor der Kreatur hinkriegen, dann werden wir vielleicht den moralischen Möglichkeiten unserer Art gerechter. Mahlzeit!

Juni 2, 2014
Frau im Himmel

Warum Frauen, beim Versuch, dem auf der geschlechtlichen Dichotomie basierenden Unterdrückungssystem zu entkommen, ausgerechnet Religionen als Zuflucht suchen, deren Dichotomie (gläubig - ungläubig) ein nicht weniger perfides Unterdrückungssystem, insbesondere für die Falsch- und Nichtgläubigen, hervorbringt, lässt sich vielleicht nur dadurch erklären, dass sie nicht nur auf der Suche nach einer “geliebteren Faust” (Serner) sind, sondern auch nur zu gern jene Faust wären.

Juni 1, 2014
We Are The Not Dead - Images | Lalage Snow

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